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+++ Rede zur Kundgebung am 16.11.19 gegen den AFD-Landesparteitag in Bingen+++

 

Hallo an alle Anwesenden der Kundgebung,

 

ich darf mich Ihnen vorstellen. Mein Name ist Michael Theuerkauf, und schauen Sie ein Mal:

Blaue Augen, blondes Haar ... naja, dunkelblond, zugegeben. Zäh wie Leder, hart wie

Wackelpudding ... Eigentlich müsste ich ja heute und morgen Ehrengast im Hotel sein!

Deutschland, das Land der Dichter und Denker, das Land der technischen und kulturellen

Innovationen ... all das soll uns zu einem Land der besseren Menschen machen. Und damit

kann man auf Stimmenfang gehen. Doch es kommt auf die Betrachtungsweise an!

Bessere Menschen im Vergleich zu was? ImVergleich zu anderen Menschen, die aus anderen

Kulturkreisen und Regionen zu uns kommen? Das nenne ich Rassismus und Schüren von

Fremdenhass.

Wir können aber in der Tat in Deutschland voranschreiten und zu besseren Menschen werden,

die gemeinsam für eine bessere Gesellschaft sorgen: Eine sozialere, eine menschlichere, eine

humanistische und mitfühlende Gesellschaft!

Deutschland prägte mit seinen Vordenkern auch nachhaltig die Zeit der Aufklärung und

danach die kritische Auseinandersetzung mit ihr. Sei es Friedrich der Große, der sich gegen

die Folter und die Todesstrafe aussprach und jedem Menschen zugestand, nach seiner Façon

selig zu werden, sei es Immanuel Kant, der den Begriff „Aufklärung“ auf klassische Weise

bestimmt hatte, oder der Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt, sie alle ebneten den Weg

für den Staat in seiner Form, wie wir ihn heute kennen.

Die Aufklärung zeichnete sich durch Reflexion aus und durch das Herausstellen der Vernunft;

der Verstand war es, der aufgeklärt werden sollte und aufgeklärt wurde. Das, so stellte der

Philosoph Hegel fest, macht die Menschen zwar klüger, aber nicht zwingend besser!

Das haben wir in der Geschichte auf dem Weg zum Dritten Reich gesehen, und die ersten

Vorboten – und es ist leider bereits mehr als das – sehen wir auch heute. Das Volk ist

aufgeklärt, sollte es sein, wählt aber trotzdem in nicht akzeptablen Massen die vermeintliche

Alternative, die bei genauerer Betrachtung keine ist. Das ist eine Gefahr für die Demokratie

und die Freiheit, meine Damen und Herren, die wir abwenden müssen! Eine Gefahr, der wir

uns entschlossen zusammen entgegenstellen müssen!

Ich sprach zuvor vom „besseren Menschen“. Was fehlt ihm und der Aufklärung noch, um

tatsächlich zu einem besseren Menschen zu werden? Es fehlt die Berücksichtigung des

Gefühlslebens, das Irrationale. Auch das sehen wir momentan in der Gesellschaft, denn ich

bin überzeugt, dass viele AfD-Wähler diese Partei nicht aus rationalen Gründen wählen.

Lassen Sie uns das Rationale nutzen, um das Irrationale in positive Bahnen zu lenken und die

vermeintlich an die AfD verlorenen Menschen emotional wieder an uns zu binden. Bedienen

wir uns der Aufklärung und der Selbstreflexion, um zu erkennen, welche Fehler in der

Vergangenheit begangen wurden, die zum Erstarken der AfD geführt haben. Hier muss sich

jede Partei auf Bundesebene an die eigene Nase fassen:

Die CDU, die sich in ihrer Politik zum Teil durch die AfD hat beeinflussen lassen und mit der

CSU für die Akzeptanz von mehr Intoleranz gesorgt hat.

Die SPD, die seit Schröders Kanzlerherrschaft verlernt hat, wirklich sozialdemokratisch zu

sein. Die Grünen, denen in bestimmten Kreisen das Image der Besserverdiener-Partei und

Gutmenschen anhaftet und die auch unter Rot-Grün für den größten Sozialabbau in der

Geschichte der Bundesrepublik mitverantwortlich waren. Die FDP, weil dort so jemand wie

Christian Lindner Parteichef werden kann ...

Und meine eigene Partei, die LINKE, muss sich fragen und mit sich selbst hart ins Gericht

gehen, warum es ihr nicht gelungen ist, die Frustration und Resignation der Menschen

aufzufangen und in Wählerstimmen für sich umzumünzen. In der Wahrnehmung einiger

Bürger ist es der LINKE scheinbar wichtiger geworden, um eine zusätzliche dritte Toilette zu

diskutieren und zu kämpfen, anstatt sich der wichtigen und teils existenziellen Nöte der

Menschen anzunehmen.

Was machen wir alle falsch, damit eine Partei wie die AfD überhaupt wahrgenommen werden

kann? Die Antworten liegen klar vor uns: Niedriglohn, Entmachtung des Arbeitnehmers,

niedrige Rente, Verkapitalisierung des Gesundheitssystems, Lobbyismus, Politik auf höchster

EU-Ebene in Hinterzimmern mit Entscheidungen, die wir Bürger gar nicht mitbekommen,

Profite vor Menschen! Vieles davon wird von besorgten Bürgern zum Teil bewusst – durch

das fehlende Geld am Monatsende – oder diffus – durch die Angst vor schwer verständlichen

Zusammenhängen – wahrgenommen, gespürt und gefühlt.

Und in dieser Gefühlslage kommt die AfD daher und verspricht, für die Menschen da zu sein.

Für die guten Deutschen! Und es funktioniert. Was macht sie also anders? Und warum sind

wir nicht mehr „da“?

Während die etablierten Parteien den sich stetig verschlechternden Status Quo (unbezahlbare

Mieten, Kaufkraftverlust bei normalen Gehältern, sozialer Absturz bei Arbeitslosigkeit) mit

entsprechendem Druck bei Otto Normalbürger als alternativlos vermitteln, verliert Otto

Normalbürger das Vertrauen in diese Parteien.

Zugleich steigt man mit den großen Lobbies ins Bett, subventioniert völlig ohne Not den Kauf

von Elektrofahrzeugen mit 6.000 Euro pro KfZ – das sind bei 100.000 geförderten Autos 600

Millionen Euro Steuergelder – und lässt sich von der Finanzindustrie an der Nase

herumführen. Dies schürt neben dem Druck weiter Frust und Angst bei den Menschen.

Und hier gelingt es der AfD, dieses Gefühl der Unsicherheit noch weiter zu verstärken. Und

so umzudrehen, dass sie es sind, die gewählt werden müssen. Sie sind es, die aufräumen „mit

denen da oben“. Sie sind es, die die Menschen „vor den kriminellen Ausländern“ beschützen!

Die AfD ist es, die die Ängste der Menschen, und Angst ist beileibe nicht immer rational,

packt und befriedet. Wie schafft sie das? Indem sie den Menschen das Gefühl gibt, für sie da

zu sein.

Durch regelmäßigere Präsenz an Infoständen insbesondere im Osten der Republik. Und

dadurch, dass sie den Menschen wieder ihr Selbstwertgefühl zurückgibt. Indem sie den

empfänglichen Leichtgläubigen verspricht, wieder wahrgenommen zu werden, indem sie

ihnen das Gefühl gibt, es ist in Ordnung, sich als besser anzusehen als andere Menschen.

Dass das alles nichts anderes als Rattenfängerei ist, weiß man, wenn man in das

Parteiprogramm der AfD schaut. Hier wird „für den kleinen Mann und die kleine Frau“ nichts

besser als vorher, im Gegenteil. Aber das interessiert viele Wählerinnen und Wähler dieser

Partei nicht, weil sie vorher abschalten. Sie genießen das „gute Gefühl“, endlich wieder von

einer Partei verstanden zu werden; eine Partei, die behauptet, die Menschen mit ihren Sorgen

ernst zu nehmen. Ein gefährlicher Trugschluss, denn das Sammelbecken an

menschenfeindlichen Individuen, die dort auch politische Ämter bekleiden, wird immer

größer. Das darf nicht sein!

Diese suggerierte Geborgenheit reicht jedoch aus, dass von AfD-Wählern Fakten zunehmend

ausgeblendet und dementiert werden. Dieses gemeinsame Verständnis zwischen Wähler und

Partei sorgt für immer mehr Gewaltakzeptanz und Intoleranz. Es ist unsere Pflicht als

freiheitsliebende Bürger, dieses gemeinsame Verständnis zwischen der AfD und ihren

Wählern zu entzaubern, zu brechen und aufzulösen.

Jetzt ist es allerhöchste Zeit, dass wir, die etablierten Parteien, es schaffen, den Menschen

wieder ein Gefühl des Vertrauens, nein, WIRKLICHES VERTRAUEN zu bieten. Indem die

SPD wieder sozialdemokratische Politik macht und sich mehr an ihrer Basis orientiert, indem

die CDU sich an ihr Parteiprogramm kurz nach der Gründung in Bad Godesberg erinnert.

Indem wir gemeinsam festgefahrene Strukturen aufbrechen und dem Staat die

uneingeschränkte Weisungshoheit zurückgeben.

Und zwar mit humanistischen und sozialen Werten, wie sie in den etablierten Parteien

vorhanden waren und im Kern immer noch vorhanden sind. Humanistische und soziale

Werte, die bei der AfD NICHT EXISTIEREN!

Lasst uns gemeinsam den Bürgerinnen und Bürgern aufzeigen, dass wir eine bessere

Gesellschaft erschaffen können. Indem wir ihre Nöte ernst nehmen und FÜR SIE positive

Veränderungen schaffen! Indem wir eine Gesellschaft erschaffen, in der die Menschen und

ihre Gefühle wieder im Mittelpunkt stehen. Eine Gesellschaft, in der jeder Mensch frei von

Angst vor Gewalt, Armut und sozialer Ausgrenzung glücklich leben kann. Eine Gesellschaft,

die nicht von Konkurrenzdenken zerfressen wird und auch damit Hass und Ablehnung schürt.

Eine Gesellschaft, in der frei nach Friedrich dem Großen alle nach ihrer Façon leben können,

egal welcher Religion sie angehören, welche sexuelle Orientierung oder Hautfarbe sie haben.

Geht es den Menschen gut, wird sich die Notwendigkeit nach einer AfD von selbst erledigen!

Lasst uns die Unsummen, die der Kapitalismus erwirtschaftet hat, dazu nutzen, jedem

Menschen ein möglichst sorgenfreies Leben zu bieten. Mit gut bezahlter und sicherer Arbeit,

mit ausreichend Möglichkeiten, sich in die Gesellschaft einzubringen und mit genügend freier

Zeit, für andere Menschen eine Aufgabe übernehmen zu können. Und lasst uns doch auch mal

außerhalb der vorhandenen Grenzen denken, was sich da noch alles auftun kann.

Ich möchte die Rede beenden mit dem Appell: Bei weitem nicht alle AfD-Wähler sind

Faschisten, aber wir müssen ihnen bewusst machen, dass sie Faschisten wählen! Wir müssen

diese Wähler und die AfD-Sympathisanten aufklären, was es für eine Gesellschaft bedeutet,

wenn Faschisten regieren. Welche Gefahr auch für sie, die AfD-Wähler, damit einhergeht.

Wir müssen die Menschen aufklären und ihnen Vertrauen und Geborgenheit in ein

demokratisches, offenes und für die Bürger regierendes Deutschland zurückbringen.

Wir müssen uns als Parteien bewusst werden, dass wir eine Fürsorgepflicht für das Volk

haben. Wir müssen uns bewusst werden, dass wir Diener des Staates sind. In einem

demokratischen Staat der kulturellen und ethnischen Vielfalt, der Toleranz, der sozialen

Fairness, der Freiheit, der Chancen und der Sicherheit. Der Bürger soll und muss sich wieder

wohl und geborgen fühlen.

Das ist unsere gemeinsame Aufgabe, und deswegen stehe ich hier. Für die LINKE, für die

Menschen und für eine bessere Gesellschaft. Packen wir es an!

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