Verweilen ermöglichen – keine defensive Architektur in Mainz!

Carmen Mauerer

Erfreulicherweise soll im nächsten Jahr eine Gedenkskulptur für während der NS-

Diktatur verfolgte wohnungslose Menschen in Mainz errichtet werden – als erster

Gedenkort für diese Opfergruppe in Deutschland.1

Gedenken heißt immer gleichzeitig auch Mahnen. Dies erfordert einen kritischen

Blick auf die Gegenwart. In diesem Fall müssen wir uns die Frage stellen, wie wir

heute mit wohnungslosen Menschen umgehen.

Die Gewalt gegen obdachlose Menschen in Deutschland ist nach Angaben des

Bundesinnenministeriums in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Das geht aus

einer Antwort des Ministeriums auf eine Anfrage der Linken-Bundestagsgruppe2

hervor. Demnach verzeichnete die Polizei im vergangenen Jahr 2.122 Straftaten

gegen Menschen mit dem "Opfermerkmal Obdachlosigkeit" in Deutschland. Seit

2018 (1.560 Fälle) steigen die Fallzahlen stetig an – und das sind nur die von der

Statistik erfassten Fälle, die Dunkelziffer ist hoch.

Die Stadt Mainz trägt die Verantwortung dafür, dass alle Menschen, die hier leben,

ihren Platz in der Stadt behalten. Wohnungslose Menschen sind ein fester

Bestandteil unserer Stadt und ihre Existenz darf nicht durch bauliche

Verdrängungsmaßnahmen unsichtbar gemacht werden. Dennoch setzen viele Städte

auf sogenannte defensive Architektur, um diese Menschen von öffentlichen Plätzen

fernzuhalten. Vor allem an Orten mit hohem touristischem Aufkommen wird versucht,

Armut aus dem Blickfeld zu verbannen. Beispiele für solche Maßnahmen sind Bänke

mit Trennstangen, Metallspitzen auf Bodenflächen oder Sitzgelegenheiten, die es

unmöglich machen, sich hinzulegen.

Auch in Mainz beobachten wir entsprechende Bauten, wie zum Beispiel an der

Trafostation an der Ecke Holzstraße/Augustinerstraße. Auf der großen Fläche

wurden Stangen angebracht, die einzig den Zweck verfolgen, ein Verweilen auf der

Fläche zu verhindern.

Kürzlich wurde der Bonifaziusplatz umgestaltet und hat grundsätzlich eine gewisse

Aufwertung erfahren. Allerdings wurden Bänke mit als Armlehnen getarnten

Zwischenstützen installiert, die ein Hinlegen verunmöglichen. Gerade rund um den

Hauptbahnhof und die Bonifaziuskirche halten sich regelmäßig wohnungslose

Menschen auf, auch zum Übernachten.

Obwohl die Stadtverwaltung auf unsere Anfrage Nr. 1662/2022 geantwortet hat, dass

sie eine solche Architektur grundsätzlich nicht verfolgt, stehen die obigen Beispiele

im Widerspruch zu dieser Aussage. Dies wirft die Frage auf, wie ernsthaft die Stadt

Maßnahmen ergreifen möchte, um den öffentlichen Raum für alle zugänglich zu

halten.

1 www.mainz.de/newsdesk/publications/Mainz/181010100000705316.php

2 www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1002680

bi.mainz.de/vo0050.php