Fastnachtsposse: Klassenkampf auf dem Wohnungsmarkt
Mit Begeisterung hat Die Linke die Fastnachtsposse der diesjährigen Kampagne verfolgt. Der Mainzer Carneval-Verein (MCV) kritisiert die verfehlte Wohnungspolitik der Stadt Mainz. Bravo!
Bereits im Zollhafen könne man sehen, wie der Mainzer Stadtrat versage und für lauter Luxuswohnungen gesorgt habe; ein Umstand, den auch Die Linke Mainz/Mainz-Bingen stets anklagt. In der Fastnachtsposse bedroht nun ein unbekannter Investor ein Altenheim in Mainz und sorgt für Verwirrung, Angst und Widerstandsgeist unter den Bewohner*innen. Aber die Alten ergeben sich keineswegs kampflos ihrem Schicksal, sondern sie wehren sich und sorgen für ordentlich Aufmerksamkeit in Presse und Stadtrat.
Doch das zu Hilfe gerufene Stadtratsmitglied entpuppt sich als korrupter Politiker, der zusammen mit dem Investor das Altenheim abreißen und an neuen Luxuswohnungen unverschämt viel Geld verdienen will. Die Parallelen zur lokalen Handkäsmafia in Stadtrat und lokaler Wirtschaft sind kaum zu übersehen. Aufgrund des fortschreitenden Politikversagens angesichts einer der drängendsten aktuellen Krisen und des regierenden Eigennutzes bekommt der Mainzer Stadtrat vom MCV eine ordentliche Schelte. Die Linke Mainz/Mainz-Bingen zeigt sich positiv überrascht, dass sich nun auch der als konservativ geltende MCV der Wohnungskrise annimmt.
Leider muss Die Linke schließlich doch Wasser in die Schorle gießen: Die revolutionären Stimmen im Altenheim gegen die Übermacht des Kapitals verstummen nach der Läuterung des Investors: Er habe die Bewohner*innen zu schätzen gelernt und könne ihnen nun nicht ihr Heim wegnehmen. Wie Saulus zum Paulus kann sich die Wirtschaft hier reinwaschen; übrig bleibt der geschundene Stadtrat. An dieser Stelle verlässt das Schauspiel das Genre der Posse und wird zum Märchen.
Wer darauf vertraut, das Herz der Kapitalist*innen gewinnen zu können und sie vom Guten zu überzeugen, hat in der Wohnungskrise nichts vestanden. In unserem Wirtschaftssystem müssen und wollen Kapitalist*innen auf Kosten der Gesellschaft Geld anhäufen. Selbst wenn sie in dem einen Fall aus Menschlichkeit oder aus Angst vor Widerstand vorsichtig werden, so werden sie jedoch dort umso skrupelloser vorgehen, wo ihnen keine Konsequenzen drohen. Eine Einhegung ist im Kapitalismus nicht möglich und auch nicht vorgesehen. Wenn die politische Botschaft sein soll, nur um Gnade betteln zu müssen, befinden wir uns in der Zeit der absoluten Fürsten und Könige; eine Gesellschaftsordnung also, die die Fastnacht persifliert und bekämpft. Erkennt der MCV etwa nicht den alten Feind im neuen Gewand?
Natürlich versteht niemand, warum ein Altenheim abgerissen werden soll, um Luxuswohnungen zu bauen, die der Stadtgesellschaft nichts nützen. Was wir als Mainzer*innen brauchen, ist ein starker öffentlicher Wohnungsbau für das Gemeinwohl. Das bedeutet, dass Wohnungen von der Stadt und von Genossenschaften ohne Gewinnabsicht gebaut und vermietet werden und nicht von übermächtigen Kapitalist*innen. Dann sind auch keine Altenheime mehr in Gefahr, lieber MCV.
